Was ist eigentlich das "Referenzertragsmodell"?

Wie kann man Windenergie an Land fördern, ohne die Motivation zum Bau effizienter Anlagen an windschwächeren Standorten wegzublasen? Indem man von der Ostsee bis zur Zugspitze vergleichbare Wettbewerbsbedingungen um die Fördergelder schafft. Genau das soll das Referenzertragsmodell leisten.

Illustration: Erneuerbare Energien, Stromnetz und Verbraucher unter einer Lupe© BMWi

Darum gehts: um den Ausbau der Windenergie in Deutschland

Würden in Zukunft Windräder nur noch dort gebaut, wo der Wind am stärksten weht und Betreiber daher mit den höchsten Erträgen rechnen können, entstünden vor allem an den Küsten im Norden, wo die Windkraft traditionell stark ist (siehe Infografik "direkt erfasst"), neue Anlagen. Noch mehr Windstrom müsste am Ende über weite Strecken zu den Verbrauchern transportiert werden, noch mehr neue Stromleitungen würden gebraucht. Das kann sicher keine Lösung sein: Der aufwändige und teure Ausbau der Stromautobahnen vom Norden in den Süden ist schon heute die Achillesferse der Energiewende. Eine großräumige Verteilung der Windenergieanlagen bietet außerdem klare energiewirtschaftliche Vorteile: Windstrom wird so deutlich stetiger in die Netze eingespeist, außerdem lässt sich die zukünftige Einspeisung besser voraussagen.

Es ist deshalb sinnvoller, die Windkraft verbrauchernah auszubauen. Wenn die Förderung der erneuerbaren Energien näher an den Markt herangeführt und auf wettbewerbliche Ausschreibungen umgestellt wird, müssen alle Akteure faire Chancen, also möglichst gleiche Wettbewerbsbedingungen haben. Die Frage ist nun, wie man dies gewährleisten kann. Immerhin lautet das Prinzip: "Wer am wenigsten fordert, wird gefördert". Hier hätten Anlagenbetreiber aus windstarken Regionen im wahrsten Sinne des Wortes mehr Rückenwind für ihre Gebote, da sie günstiger kalkulieren können. Das kann man sich wie bei  einem Bauern mit besonders fruchtbaren Äckern vorstellen, der besonders viele Kartoffeln ernten kann – seine Fixkosten pro Kilo sind also recht niedrig. Landwirte mit schlechteren Böden können da nicht mithalten. Bekäme nur derjenige eine Förderung, der per se niedrigere Kosten kalkuliert, wäre auch hier einer der Bauern von vorneherein dem anderen überlegen.

Besser vergleichbar dank "Referenzstandort"

Egal, ob bei Landwirten oder Windparkbetreibern: Um wirklich vergleichen zu können, wer am besten kalkuliert und am günstigsten produziert, muss man die Voraussetzungen – zumindest theoretisch – angleichen. Beim Ausbau der Windkraft schafft dies das Referenzertragsmodell. Das Modell mit dem eher sperrigen Namen macht nicht nur Standorte mit unterschiedlicher "Windhöffigkeit" – das ist so etwas wie gesamte "Windernte" - miteinander vergleichbar, sondern auch die veranschlagten Fördersummen pro Kilowattstunde, mit denen Windparkbetreiber im Rahmen der neuen Ausschreibungen gegeneinander antreten.

Dazu wird zunächst ein sogenannter Referenzstandort mit einer konkreten Windleistung definiert, dem der Wert 100 Prozent zugewiesen wird. Alle anderen Standorte, an denen Windkraftanlagen geplant sind, können nun dazu ins Verhältnis gesetzt werden: An einem 80-Prozent-Standort etwa weht im Schnitt 20 Prozent weniger Wind als am Referenzstandort, am 120-Prozent-Standort 20 Prozent mehr.

Windparkbetreiber, die sich um eine Förderung bewerben, geben als nächstes an, mit welcher Summe sie an diesem Referenzstandort kalkulieren, um wirtschaftlich einen Windpark errichten zu können. Sie beziehen sich mit ihrem Angebot also nicht auf ihren tatsächlichen Standort, sondern rechnen um – ganz nach dem Motto: Wie hoch müsste meine Förderung sein, wenn meine Anlage am Referenzstandort stünde?

Wo viel Wind weht, sinkt die Förderung pro Kilowattstunde

Tatsächlich ausgezahlt wird dann der gebotene Preis, der durch einen Korrekturfaktor nach oben oder nach unten angepasst wird. Dieser ist an windschwachen Standorten höher und an windreichen Standorten niedriger Vereinfacht gesagt heißt das: Wo besonders viel Wind weht und die Erträge hoch sind, gibt es pro eingespeister Kilowattstunde etwas weniger Geld. Wo der Wind schwächer ist, steigt die Vergütung.

Der Vorteil des Referenzertragsmodells liegt auf der Hand: Die Projekte können unabhängig von ihren realen Windbedingungen miteinander verglichen werden. Das müssen sie auch, denn nur die kostengünstigsten bekommen schließlich den Zuschlag. So wird der notwendige Wettbewerb auch zwischen Projekten an unterschiedlichen Standorten ermöglicht. Zugleich schafft es einen Anreiz für den Bau von möglichst effizienten Anlagen.

Jetzt wird’s konkret: Eckpunktepapier benennt die Kennwerte

Konkrete Zahlen für die zukünftige Windkraftförderung enthalten die weiterentwickelten Eckpunkte für das EEG 2016, das noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll. Darin wird der neue Referenzstandort definiert als Standort mit einer Windgeschwindigkeit von 6,45 Metern pro Sekunde in einer Höhe von 100 Metern, die höheren Windgeschwindigkeiten mit zunehmender Anlagenhöhe werden anhand eines wissenschaftlich breit akzeptierten Modells berechnet. Das soll Investoren dazu bewegen, besonders hohe, innovative Anlagen zu bauen, die auch besonders viel Wind einspeisen können. Im letzten Jahr hatten die neuen Windenergieanlagen in Deutschland bereits eine durchschnittliche Nabenhöhe von 123 Metern.

Außerdem enthält das Papier eine Übersicht über die Standortqualität und die jeweils anzulegenden Korrekturfaktoren, mit denen die spätere Fördersumme berechnet wird. Diese Qualität eines Standortes legen unabhängige und zertifizierte Gutachter fest. Wie bei anderen Erneuerbare-Energien-Technologien auch, wird die Förderung über 20 Jahre gezahlt, wobei eine Überprüfung der Standorte nach fünf, zehn und fünfzehn Jahren vorgesehen ist.

Tabelle Standortqualität/ KorrekturfaktorDie Grafik zeigt, bei welcher Standortqualität künftig welcher Korrekturfaktor angewendet wird. © BMWi

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